#1 Rechtsruck, Wahlen, Alarmismus

Die Europawahlen schlugen ein, und das hart. Vorher erfolgreich verdrängt, zeigten die Wahlergebnisse was weder sein soll, noch sein darf. Das Gemisch, welches sich deutsche Linke nennt, ist überrascht, schockiert und alarmiert. Klar, in Ostdeutschland ist die Provinz verloren, aber dass tatsächlich rechte Parteien in fast allen Kreisen stärkste Kraft werden, dass konnte doch niemand ahnen. Zumindest keine, die glaubt mit einem Konzert, einer Marktplatztour oder einer #unteilbar-Demo wirklich etwas zu bewegen und die Situation außerhalb der Großstädte mehr als nur aus einem besorgten Augenwinkel wahrgenommen hat.

Aber da wir es mit den selbsternannten radikalen linken Kräften in Deutschland zu tun haben, fallen solch rationale und (selbst-)kritische Betrachtungen zwischen Szene, Uni und Eventpolitik nicht nur unter den Tisch, sondern gleich in den Keller. Dementsprechend sind alle schockiert von Wahlergebnissen und fragen danach noch schockierter was man denn jetzt tun könne um die Leute vor Ort zu „supporten“.

Gwendolin Rickert, Teil der Kampagne #wannwennnichtjetzt und Autorin des elendigen Versuchs „links“ als Lifestyleidentität zu verkaufen namens Supernova Magazin, gibt in einem Werbetext der Kampagne in jenem Magazin die Antwort: Geld spenden für einen „solidarischen Sommer im ländlichen Ostdeutschland“[sic!] [1]. Im gesamten Text hat man die fast platzende Halsschlagader der Leipzigerin vor Augen, wenn sie an die Wessi-Linke und deren Reaktionen auf die Wahlergebnisse denkt. In einem unfassbar schlechtem Text, Schreibstil wurde astrein durch Alarmismus und Rant ersetzt, schwingt sich Rickert in den ostdeutschen Richterstuhl um den Westdeutschen die Rache aller Ossis entgegen zu schleudern. Wenn die Provinzantifa nach oben gegen die Szenestädte tritt, treten diese einfach weiter nach Westdeutschland.

Die Kampagne möchte bei Veranstaltungen auf Marktplätzen mit Leuten von vor Ort zusammenkommen und sich über Themen wie Arbeitskämpfe, Klimagerechtigkeit, Feminismus oder Rechtsruck austauschen. Wer aus diesen ländlichen Regionen kommt und dort aktiv ist, kann bei solchen Vorstellungen nur laut lachen und den Kopf schütteln. Der Glaube daran mit einer solchen Marktplatztour und somit einer ein-Tages-Intervention, die keine richtige Intervention sein will, etwas zu verändern offenbart, dass die Kampagne nicht mehr möchte als an einem Tag eine coole Veranstaltung zu organisieren, sich selbst darzustellen und das eigene Gewissen zu beruhigen. Andernfalls würde man Strukturen vor Ort das zusammengebettelte Geld einfach in die Hand drücken, damit diese sinnvolle Dinge damit machen können. Das aber würde Auseinandersetzungen mit Gruppen auf dem Land erfordern und bietet keine Möglichkeit sich selbst zu beweihräuchern. Wenn einem die ländlichen Regionen wichtig wären, hätte man diese über die letzten Jahre nicht ignoriert. So einfach ist das. Es gab und gibt immer noch genug Anlässe in die Provinz zu fahren, aber das ist ungemütlich und Spaß macht es auch nicht. Die Provinzantifas sollen leise sein, uns machen lassen und am besten keine unangenehmen Fragen stellen, wo man denn war bevor und während 2015/16 Heime brannten. Und vielleicht möchte ja auch auf dem Dorf einfach niemand mit Gruppen wie der IL zusammenarbeiten, die nicht in der Lage sind sich deutlich gegen Antisemitismus zu positionieren und dafür sinnloses Kohlegruben- und -baggerhopping in der Lausitz machen. Denn da drängt sich nicht das Gefühl auf, dass statt Vernetzung und Austausch, was auch Debatten einschließt, einfach Spielplätze gesucht werden auf die man die eigenen politischen Vorstellungen projizieren kann.

Projiziert wird allerhand, der Knaller ist wohl die Vorstellung, „Erfahrungen während und nach der DDR“ in den „Vordergrund“ stellen zu müssen. Es soll also eine Selbsthilfegruppe für, an vielen Punkten nicht unberechtigt, rumopfernde Ossis auf dem Marktplatz aufgemacht werden. Als wäre das nicht genug, ist dies eines der Themen mit dem die AfD seit Jahren auf der Überholspur durch Ostdeutschland ballert. Das funktioniert, weil die AfD es rein auf der emotionalen Ebene nur mit zusammenhangslosen Faktenbezügen bedient. Und das möchte man jetzt entweder selbst machen oder auf eine rationale Ebene zurückholen, wie auch immer das gehen soll. Ich sehe Rentnerdieter von nebenan irgendwie nicht mit der 25jährigen Soziologiestudentin Laura auf dem Marktplatz bei Kaffee und Kuchen über neue Studien zu den Unterschieden in Sachen Arbeitsbedingungen zwischen Ost und West diskutieren. Aber vielleicht fehlt mir da die Einbildungskraft. Oder ein ordentlicher Drogenrausch.

Doch nicht nur #wannwennnichtjetzt greift beim Versuch sich bei den Provinzlern anzubiedern daneben. Zahlreiche Linke aus der Großstadt* mit selbstattestierten Verständnis für die Provinz fühlen sich berufen ihre unqualifizierte Meinung abzugeben und die Provinz gegen Aussagen wie „Ostdeutschland wegbomben“ zu verteidigen. Dabei ist genau jener Spruch die einzige Alternative, die ein Ende der elendigen Tristesse bedeuten würde. Er trifft die Misere auf den Punkt. Ekelhaft sind dagegen die Fragen, wie man denn supporten könne. Die IL schlägt mit Spenden, wie oben erwähnt, den bequemen Ablasshandel vor. Andere, ganz besonders Radikale plädieren für das Rausziehen aufs Land, um dort politisch aktiv zu sein. Vergessen wird dabei, dass dieses allein nichts bringt. Politische Arbeit funktioniert in der Provinz anders, ist kaum anonym, dreckig und bietet keine Rückzugsräume, der Gedanke an eine linke Szene gleicht einer Utopie. Es gibt keine Szene als Lebensumfeld, sondern einzig die tägliche Auseinandersetzung mit der brutalen Realität abseits jedweder politischen Perspektive. Der Abwehrkampf gegen die Windmühlen der national-völkische Reaktion ist unendlich und nicht zu gewinnen. Ein Leben in diesen Verhältnissen ohne Szene zum Rückzug ist nichts für paternalistisch-besorgte Linksradikale, die denken sie müssten jetzt mal etwas tun und aufs Land ziehen. Einfach niemand möchte hier Unmengen an Zeit investieren, um euch zu betreuen, wenn ihr versucht auf dem Acker gehen zu lernen. Lasst es einfach, ihr werdet hier nicht glücklich und vor allem sind eure romantische Vorstellung der „Dorfantifa“ nicht hilfreich. Genau diese Diskussion zeigt das Verhältnis der Provinz zur Szene: die Szene diskutiert aufgeregt über Handlungsoptionen, was man denn nun wie machen könne, während die Provinz kein Stück überrascht ist und weiter versucht sich deutschen Abgründen zu entziehen.

Es ist vollkommen egal, ob politische Arbeit dort oder hier wichtiger oder sinnvoller ist. Denn sie lässt sich nicht in dieser Art kategorisieren. Und es ist auch nicht falsch in die Stadt zu ziehen und in der linken Blase zu leben, denn diese Welt werden wir nicht grundlegend verändern und dementsprechend müssen wir uns so einrichten, dass wir möglichst erträglich leben können. Das eigene Leben dem politischen Krampf unterzuordnen ist revolutionsromatischer Quatsch. Helfen würde schon die Erkenntnis, dass der ländliche Raum ebenfalls zu Deutschland gehört und damit auch zum Gegenstand einer radikalen Linken in Deutschland. Das Diskutieren über die provinzielle Tristesse und dem paternalistischen (nicht-)Verhalten der linksradikalen Szene zu dieser ist hingegen nicht Gegenstand jener, welche schlicht keine Ahnung haben. Ja Supernova, ihr seid auch gemeint, die Texte der Leipzigerin Rickert und auch der des Weggezogenen Klaas Anders [2] sind produziert für den digitalen Müllhaufen und paternalistische Realitätsverweigerung in Reinform.

Diese „Diskussion“, welche dem Wort in keinster Form gerecht wird, zeigt einmal mehr die Idiotie der sogenannten deutschen Linken. Eine Bewegung welche sich einzig durch Realitätsverweigerung, Szenegehabe, sinnloser Eventpolitik, offenen Antisemitismus und der Unfähigkeit zur kritischen Debatte auszeichnet, ist nicht nur peinlich, sondern auch grandios an allen jemals gestellten Ansprüchen gescheitert.

Übrigens: Der Rechtsruck kann nicht verhindert werden. Er ist längst Realität.


* Ja, es ist egal ob man ursprünglich vom Dorf kommt und dort seine Jugend verbracht hat.

[1] https://www.supernovamag.de/osten-afd-wahl/

[2] https://www.supernovamag.de/die-arroganz-der-grossstadtlinken-nervt/

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